Mag. Franz Wendtner
Gesundheit
“Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist alles nichts....” .
Diese Aussage von Arthur Schopenhauer (1788-1860) gilt damals wie heute und Gesundbleiben und Wieder-gesund-werden können als ursprüngliche Motive schon in der Entstehung des Qigong im alten China angesehen werden. Man geht davon aus, daß Qigong aus schamanischen Tänzen entstand, im Rahmen derer diejenigen, die öfter daran teilnahmen, therapeutischen Nutzen hatten und es daher im Sinne der “Pflege des Lebens” weiterentwickelten.
“..Seit diesen alten Zeiten sind dem Hauptstamm des Qigong viele verschiedene Zweige der Praxis entsprossen, jeder mit einem eigenen Stil und einer eigenen Zielrichtung; doch alle schenken Gesundheit und ein langes Leben, physiologisches Gleichgewicht und emotionale Ausgeglichenheit, geistige Klarheit und spirituelle Harmonie (Reid, S. 54, 2000).
Anders interpretiert: Qigong führt zu mehr Lebensqualität.
Gesund und krank
Für viele Gesunde ist Gesundheit – und damit eine, wenn nicht DIE wesentliche Voraussetzung für eine hohe Lebensqualität – selbstverständlich und: “..Solange sie gesund sind, ist materieller Wohlstand und sozialer Aufstieg für die meisten Menschen unserer Generation oberstes Ziel....” (Wenzel, 1995, S.22)
Anders die Situation von chronisch kranken Menschen. Sie müssen mit was auch immer für einer gesundheitlichen Belastung leben und umgehen lernen, ob sie wollen oder nicht. Und im Gegensatz zur vorübergehenden Einschränkung der Befindlichkeit bei Gesunden z. B. durch Grippale Infekte, kommt es bei Menschen mit chronischen Beschwerden zu nachhaltigen Beeinträchtigungen von Befindlichkeit und Lebensvollzug - in der Regel ohne oder mit allenfalls geringer Aussicht, je wieder ganz gesund zu werden.
Lebensqualität in der Forschung
Dessen wird sich auch die Forschung mehr und mehr bewußt und so wird das Konzept “Lebensqualität” gerade bei chronischen Krankheiten immer breiter angelegt untersucht.
In diesem Zusammenhang möchte ich, da gerade Krebserkrankungen häufig chronisch verlaufen, in der vorliegenden Ausgabe unseres Periodikums kurz auf qigongbezogene Ergebnisse eines “program evaluation report” (Bewertung eines Programmes zur Hebung der Lebensqualität durch die Teilnehmer) zur Lebensqualität von Krebspatienten in Stanford, Kalifornien, USA, eingehen.
Um Krebspatienten und ihre Angehörigen bei der Bewältigung der Erkrankung zu unterstützen, wurde am CENTER FOR INTEGRATIVE MEDICINE AT STANFORD HOSPITAL AND CLINICS in Zusammenarbeit mit verschiedenen Kliniken und Universitäten ein entsprechendes Programm entwickelt, das STANFORD CANCER SUPPORTIVE CARE PROGRAM (SCSCP)
(Rosenbaum et. al., 2004).
Unterstützungsprogramm SCSCP
Das Ziel dieses seit 1999 angebotenen Unterstützungsprogrammes war und ist es, die Lebensqualität sowohl von neudiagnostizierten wie palliativen Patienten zu verbessern und die Neben- und Nachwirkungen von Krankheit und Behandlung zu reduzieren. Das geschieht im Rahmen von Unterstützung und Beratung hinsichtlich psychologischer Betreuung, Gymnastik, komplemetären und alternativen Ansätzen, Ernährung, Schmerztherapie und Fatigue (Erschöpfung, Mattigkeit). Darüberhinaus durch Information zur Krankheit und ihrer Behandlung in Vorträgen, Literatur, Multimedia, web-site und (Selbsthilfe-)Gruppen. Die Patienten haben Gelegenheit, verschiedene dieses aus elf Teilen bestehenden und speziell auf die Bedürfnisse von Krebspatienten zugeschnittenen Programmes in Anspruch zu nehmen.
Untersuchung
Zwischen Jänner 1999 und Oktober 2002 kam es im Rahmen dieses Programmes zu mehr als 10.000 Kontakten. Dabei war die überwiegende Mehrheit der Teilnehmer (76%) älter als 51 Jahre, zwei Drittel davon waren Frauen.
39 % der Teilnehmer hatten bösartige Erkankungen der Brust, 16% Prostatakrebs, 16% litten an Lymphomen und/oder Leukämien, 29% hatten andere Krebsformen.
Von Jänner bis März 2002 wurden Daten zu 6846 Kontakten aus dem Zeitraum vom Februar 2001 bis Mai 2002 erhoben. Von letztlich 1183 Patientenbesuchen konnten Daten gewonnen werden. Mehrfachnennungen waren möglich, d. h. die Patienten konnten parallel mehrere Angebote nützen, es wurde nicht objektiv die unterschiedliche Wirkung der einzelnen Module untersucht, sondern die Häufigkeit der Besuche und die subjektive Bewertung der einzelnen Teilprogramme durch die Teilnehmer erhoben.
Von den vorliegenden Datensätzen wurden, weil nicht vollständig, 785 ausgeschieden, die verbleibenben 398 Ergebnisse kamen zur Auswertung.
Es wurden Visuelle Analog Skalen (VAS) mit der Möglichkeit, Werte von 0-5 bzw. 0-10 zur Einschätzung anzugeben, verwendet. Dabei war mit 0 der niedrigste, mit 5 bzw. 10 der beste Wert anzugeben.
Im Rahmen der komplementären/alternativen Ansätze (Yoga, Qigong, Healing Imagery) kam auch Qigong zur Anwendung. Die Teilnehmer erlernten einfache Techniken (“... patients learned a number of simple techniques that could be performed from sitting, standing or moving positions...”(p.9)) und sollten jegliche Veränderung in Bezug auf Stress, Schmerz, Energie,Wohlergehen und Schlafqualität einschätzen.
Das Programm fand im wöchentlichen Rhythmus statt und wurde mit Patienten, die sich während des Untersuchungszeitraumes in Behandlung befanden, durchgeführt. Es wurde nicht erhoben, wer wie oft woran teilnahm.
Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigten eine leichte Verbesserung bei Schmerzen und eine beträchtliche Verbesserung hinsichtlich der Lebensqualität.
Es kam im 16-monatigen Beobachtungszeitraum zu 751 Patientenkontakten, also durchschnittlich
47 pro Monat. Von den 334 Patienten, die das Qigong beurteilten, gaben 78% eine Stressverminderung an, 74% eine Verbesserung ihres Wohlergehens, 58% einen Anstieg ihres Energie-Levels und 22% der Teilnehmer berichteten eine Schmerzreduktion.
Diskussion
Diese Ergebnisse sprechen für einen deutlichen Zugewinn an Lebensqualität bei in Behandlung befindlichen Krebspatienten durch Qigong. Allerdings kann infolge des Designs der Untersuchung nicht mit Bestimmtheit gesagt werden, daß dieser Zugewinn an Lebensqualität auschließlich durch Qigong herbeigeführt wurde, da die Patienten auch an anderen, hier nicht diskutierten Teilprogrammen teilgenommen haben konnten.
So ist, wissenschaftlich gesehen, dieses Ergebnis eher als Ausdruck subjektiver Wahrnehmung der Teilnehmer anzusehen, denn als “hartes” Faktum.
Aber sogenannte “harte Fakten” sind weder in der Lebensqualitätsforschung, noch im Qigong einfach zu erlangen.
Fakt allerdings ist: Lebensqualität wird subjektiv erlebt.
Und gerade Qigong kann dazu beitragen die Lebensqualität zu heben, wie übende Patienten berichten oder wie Dr. Gerhard Wenzel es formulierte: “...Und plötzlich ist es umgekehrt! Der Mensch kommt in Einklang mit sich selbst und die Krankheit hat nimmer diese drohende Macht über ihn...” (Wenzel, 2002).
Krank-sein oder gesund-sein, wieder gesund werden oder gesund bleiben – Qigong ist ein Weg zu mehr Lebensqualität.
Literaturhinweise
Rosenbaum, E., Gautier, H., Fobair, P., Neri, E., Festa, B., Hawn, M., Andrews, A., Hirshberger, N., Selim, S. &Spiegel. D. (2004). Cancer supportive care, improving the quality of life for cancer patients. A program evaluation report. Springer Verlag.
Mail Ernest Rosenbaum:
Reid, D. (2000). Chi-Gung. Econ Ullstein List Verlag, München. ISBN 3-612-18015-0
Wenzel, G. (1995). Qigong – Quelle der der Lebenskraft. Edition Tau, Nachdruck über die ÖQGG zu beziehen
Wenzel, G. “(2002). Vortrag im Wilhelminenspital “Qigong und die Diagnose Krebs” . Mitschnitt des Vortrages auf CD bei der ÖQGG zu beziehen
Mehr Info zu Quality of life unter www.ncbi.nih.gov - pubmed anklicken, Suchbegriff eingeben
Bücher:
AKUPRESSUR: (ISBN 3-7742-6377-9), 2004, Franz Wagner, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München.
Klein für die Jackentasche, um Beschwerden von Angst bis Zahnschmerzen zu lindern.
Für alle, die Gerhard Lugers Empfehlungen schätzen und denen das Format unseres Periodikums für unterwegs zu groß ist ...
GEHEIMNIS DER GOLDENEN BLÜTE. (ISBN 3-424-00874-5), 2000, C. G. Jung, Richard Wilhelm. Diederichs Gelbe Reihe, Hugendubel, München.
Erstmals 1929 erschienen, mehrfach überarbeitet, liegt in dieser Ausgabe erstmals der vollständige Text der “Goldenen Blüte” vor und ist direkt aus dem Chinesischen übersetzt.
Mit einer Einführung von C. G. Jung, Texten und Erläuterungen von Richard Wilhelm und ergänzenden Übersetzungen von Barbara Hendrischke
Qigong bei Rückenschmerzen
Mag. Franz Wendtner, August 2005
Diesmal ist mein Beitrag weniger wissenschaftsbezogen angelegt als gewohnt, er soll eher ein Überblick mit Rückmeldungen sein.
Vielleicht können wir so Menschen, die Qigong bisher wegen ihrer Schmerzen mieden, erreichen und sie ermutigen, es doch einmal zu versuchen …
Denn in der TCM wird Schmerz immer als Blockade des Qi begriffen und gerade durch Qigong können wir Energieflußstörungen lindern oder langfristig sogar beheben.
Rückenschmerzen
Rückenschmerzen – neben Kopfschmerzen die häufigsten Schmerzen – führen sehr oft zu Langzeitbehinderungen. Sie sind in Großbritannien der größte Einzelfaktor für Arbeitsunfähigkeit. In den Industrienationen berichten rund 56% der im Arbeitsprozeß stehenden Bevölkerung, im vergangenen Jahr Rückenschmerzen gehabt zu haben.
In Deutschland gehen 4% der gesamten Arbeitskraft durch Arbeitsunfähigkeitszeiten wegen Rückenschmerzen verloren. Die USA, Kanada, Schweden und die Niederlande berichten ähnliche Zahlen. In den USA sind Rückenschmerzen und Schmerzen im Bereich der oberen Extremität und des Halses bei Menschen unter 70 Jahren der häufigste Grund für eine stationäre Behandlung.
Auch in Österreich belegen entsprechende Statistiken eine ständige Zunahme von Krankenständen infolge von „Störungen des Bewegungs- und Stützapparates“ und wie in den USA führen sie auch in Österreich die Statistiken der Versicherungen als die häufigsten chronischen Erkrankungen an.
Doch betrachtet man das Phänomen Rückenschmerzen genauer, findet man, daß nur für ca. 15% aller Rückenschmerzen eine eindeutige medizinische Diagnose besteht.
Anders gesagt leiden rund 85 % der Patienten an sogenannten „idiopathischen Rückenschmerzen“, deren Ursache nicht neurophysiologisch oder organdiagnostisch faßbar ist.
In Studien finden sich allerdings immer wieder Menschen in den Kontrollgruppen, die mit sehr wohl medizinisch faßbaren Diagnosen morphologischer Veränderungen, die für Rückenschmerzen verantwortlich gemacht werden, (fast) beschwerdefrei leben.
Es ist also offensichtlich, daß nicht ausschließlich körperliche Belastungen und Probleme als Auslöser für Rückenschmerzen in Frage kommen, es dürften sowohl psychische wie auch funktionelle Aspekte eine tragenden Rolle spielen. Die Bedeutung energetischer Aspekte ist nicht ausreichend erforscht.
Allerdings berichten chinesische Studien, daß Rückenschmerzen bei Menschen, die regelmäßig Qigong üben, wesentlich seltener auftreten.
Es ist davon auszugehen, daß Qigong sowohl zur Prävention wie zur Therapie von Rückenschmerzen geeignet ist, denn: „… Betrachten wir die Körperhaltung beim Qigongtraining, so ist sie mit den Empfehlungen der modernen Haltungsinstruktionen weitgehend ident. Das Fließgleichgewicht von phasischer und tonischer Aktivität kann nur durch das Gesetz der reziproken Innervation ungestört erhalten werden. Qigongübungen werden diesen bewegungsphysiologischen Grundsätzen in vollem Ausmaß gerecht. Qigong erfüllt alle Kriterien der modernen Präventionsrichtlinien für idiopathischen Rückenschmerz.“ (Zauner-Dungl, 2004)
Die Körperhaltung beim Qigong ist charakterisiert durch ein lockeres, achsengerechtes Stehen, wie wir es aus der Grundhaltung, dem Zhanzuang, kennen. Daraus entwickeln wir die runden, fließenden Bewegungen, mittels derer wir in innerer Achtsamkeit und durch beharrliches Üben das Qi ins Fließen bringen und zur wohltuenden Wirkung gelangen.
Wichtig auch für die betagteren Semester unter uns, denn mit zunehmendem Alter kommt es bei vielen Menschen zu Haltungsveränderungen und –störungen, die Schmerzen verursachen und über die Schonhaltungen, welche die Betroffenen einnehmen, zu Fehlhaltungen die langfristig erhebliche Beschwerden verursachen.
So auch bei Hanna K., 81 Jahre alt. Sie berichtet: „Seit ich Qigong übe, bin ich beweglicher geworden und habe ein anderes Lebensgefühl bekommen.“ (zit. nach Düwal, 1998).
Sponylitis ankylosans (Morbus Bechterew)
Bei Spondylitis ankylosans handelt es sich um eine in Schüben verlaufende, überaus schmerzhafte entzündliche Versteifung der Wirbelsäule, die im Spätstadium zu einer charakteristischen Verkrümmung der oberen Wirbelsäule nach vorne (Brustkyphose) führt. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen. Diese chronische Erkrankung gehört in den Rheumatischen Formenkreis und ist bisher nicht heilbar, kann aber in jedem Stadium zum Stillstand kommen. Ursache oder Grundlage der Erkrankung scheint eine krankhafte Reaktion des Immunsystems zu sein, was genau der Auslöser der chronischen Entzündung ist, konnte noch nicht geklärt werden.
Patienten, die an Spondylitis ankylosans leiden, können von Qigong profitieren, denn ihre reduzierte Beweglichkeit ist – wie bei den alten Menschen - kein Hinderungsgrund, Qigong zu üben.
Nach dem Prinzip: Das Qi folgt der Vorstellung reichen vielfach nur angedeutete Bewegungen. Die Verinnerlichung der jeweiligen Übung und ihre Vorstellung in der Visualisierung sind wesentlicher als die Perfektion der Ausführung.
Somit gilt keine noch so ausgeprägte Versteifung der Wirbelsäule als echtes Hindernis, Qigong zu üben. Die jeweiligen Übungen werden eben so gut es geht, ausgeführt und „was real nicht geht, geht mental ...“. In der Vorstellung, der Visualisierung, die im Qigong so bedeutsam ist.
Neben der Wirkung der rein mechanischen Aspekte wie „Heben und Senken, Öffnen und Schließen etc.“ kommt es bei den Qigong übenden Betroffenen längerfristig zu einem anderen Körperbild, einer anderen, positiveren Einstellung zu sich selbst und ihrem Körper, der oft so schmerzhaft wahrgenommen wird.
So berichtet Herr Josef Hauser, ein Betroffener aus Salzburg in einer persönlichen Mitteilung, über Qigong einen sehr guten Zugang zum Körper gefunden zu haben. „Es gibt mir sehr viel Kraft und ich bin in der Lage, meinen Schmerzpegel zu senken.“
Und Helmut Hartl, Obmann der Selbsthilfegruppe „Morbus Bechterew Salzburg“ betont: “Qigong wirkt beruhigend. Bechtis finden eh´ kaum zur Ruhe, sie sind immer aktiv und vom Schmerz hochgradig psychosomatisch belastet. Mit Qigong können sie sich etwas Gutes tun.“
Aus Cuxhaven berichten Qigong übende Betroffene unter anderem, daß ihre Bewegungen weicher, die Koordination besser und die Harmonie zwischen Ich und eigenem Körper deutlich wurde…
Für manche von uns sind gerade körperlich spürbare Mißhelligkeiten, Kranksein oder Schmerzen Anlaß, sich mehr und auf eine andere Weise als bisher mit sich selbst zu befassen. Ansätze zu suchen, (wieder) zu mehr Lebensqualität zu gelangen. Qigong kann ein solcher Weg sein.
In der Literatur finden sich bei zunehmender Qualität der Studien mehr und mehr Hinweise für wohltuende und naturwissenschaftlich meßbare Wirkungen. Und zwar sowohl in der Prävention, ergänzend zur Therapie als auch in der Rehabilitation - aber kaum Belege für unerwünschte Wirkungen. Eine weitere Bestätigung für die Anwendbarkeit von Qigong in jeder Lebenslage.
Ob nun gesund oder krank, jung oder alt – wir alle können im übergeordneten, ganzheitlich sich entwickelnden Prozeß, der durch regelmäßiges Üben in Gang kommen kann, nicht nur dazu beitragen, gesund zu bleiben, wieder gesund zu werden oder einfach Linderung unserer Beschwerden zu erlangen, wir können auch persönlich weiterkommen und uns entwickeln. Denn die Wirkungen von Qigong beschränken sich nicht auf die mittlerweile in Studien untersuch- und meßbaren Parameter. Und so ist der Bogen weit gespannt …
Salzburg, August 2005
LITERATUR:
Zauner-Dungl, A. (2004). Ist Qigong zur Prävention Idiopathischer Wirbelsäulenstörungen geeignet?, Wiener Medizinische Wochenschrift, 154/23-24: S.564-567
Düwal, H. (1998). Aufrichtung und Beweglichkeit im Alter. In: Das Qi kultivieren – die Lebenskraft nähren. Hrsg.: Hildebrandt. G., Geißler, S. & Stein, S. Medizinisch Literarische Verlagsgesellschaft Uelzen )
Weitere Literatur beim Verfasser
BÜCHER:
AKUPRESSUR: (ISBN 3-7742-6377-9), 2004, Franz Wagner, Gräfe und Unzer Verlag GmbH, München.
Klein für die Jackentasche, um Beschwerden von Angst bis Zahnschmerzen per Fingerdruck zu lindern.
DEN GEIST VERWURZELN: (ISBN 3-87569-179-2), 2. Aufl. 2004, Josef Viktor Müller. Verlag Müller und Steinicke, München.
Die Namen der Akupunkturpunkte als Bindestriche der Psychosomatik.
GEHEIMNIS DER GOLDENEN BLÜTE. (ISBN 3-424-00874-5), 2000, C. G. Jung, Richard Wilhelm. Diederichs Gelbe Reihe, Hugendubel, München.
Erstmals 1929 erschienen, mehrfach überarbeitet, liegt in dieser Ausgabe erstmals der vollständige Text der “Goldenen Blüte” vor und ist direkt aus dem Chinesischen übersetzt.
Mit einer Einführung von C. G. Jung, Texten und Erläuterungen von Richard Wilhelm und ergänzenden Übersetzungen von Barbara Hendrischke
SETZ DICH HIN UND TUE NICHTS: (ISBN 3-453-21166-9) 3. Aufl. 2004, Li Zhi Chang, Wilhelm Heyne Verlag, München
Das Buch der Entspannung. Übungen des Stillen Qigong mit vielen Fotos.
Kopfschmerzen und Qigong
Wie schon im letzten Periodikum angeführt gehören Kopfschmerzen neben Rückenschmerzen zu unseren häuftigsten Schmerzen. Daher möchte ich sie diesmal zum Thema machen und auf eine Studie zur Wirkung von Qigong auf Kopfschmerzen eingehen. Eine Zusammenfassung der Untersuchung wurde in der Zeitschrift für Qigong-Yangsheng 2003 publiziert. (Qigong-Yangsheng-Übungen in der Begleitbehandlung bei Migräne und Spannungskopfschmerz. Friedrichs, Pfistner & Aldridge, 2003)
Kopfschmerzen
Kopfschmerzen zählen zu den verbreitetsten körperlichen Beschwerden überhaupt. Nahezu jeder Erwachsene und zunehmend auch Kinder berichten, schon einmal Kopfschmerzen gehabt zu haben oder akut darunter zu leiden.
Vier bis fünf Prozent der Bevölkerung leiden an Dauerkopfschmerzen, häufig vergesellschaftet mit Ängsten, Depressionen und Medikamenten-Mißbrauch, meist sind Frauen betroffen (ÄRZTE WOCHE, 18. Jhg., Nr. 7, 2004).
Man unterscheidet primäre Kopfschmerzen wie Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp (KST) sowie symptomatische Kopfschmerzen, wie z.B. Kopfschmerzen, zurückzuführen auf eine Substanz oder deren Entzug. Dabei handelt es sich sehr oft um rezeptfrei erhältliche Analgetika (=Schmerzmedikament). Das bedeutet, daß eben die gegen die Kopfschmerzen eingenommenen Schmerzmittel Kopfschmerzen verursachen können.
Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft IHS (International Headache Society) unterscheidet allein hinsichtlich der drei oben genannten Kategorien mehr als 50 verschiedene Diagnosen.
Migräne
Unter Migräne versteht man einen anfallsartig auftretenden, periodisch wiederkehrenden und überwiegend einseitigen Kopfschmerz, der oft mit Übelkeit und Erbrechen einhergeht.
Migräne kann in jedem Alter auftreten. Man findet eine familiäre Häufung, weswegen man auch davon ausgeht, daß genetische Faktoren eine Rolle spielen. Migräne wird als chronische, ursächlich nicht behandelbare Erkrankung betrachtet.
In Deutschland leiden 16% der Frauen, 6% der Männer und 3% der Schulkinder an Migräne (www.netdoktor.de, 2005).
Die zugrundeliegenden Ursachen für diese Kopfschmerzform sind noch nicht endgültig geklärt. Man geht davon aus, daß verschiedene Neurotransmitter (Botenstoffe im Nervensystem), wie z. B. Serotonin, bei Migräne eine wesentliche Rolle spielen.
Gesichert scheint, daß Teile des Nervus Trigeminus am Geschehen beteiligt sind und die Schmerzattacken über die Ausschüttung von Entzündungsmediatoren mit gefäßerweiternder Wirkung auf die Arterien und Venen im Gehirn hervorgerufen werden. Daher gilt die Migräne als „vaskulärer Kopfschmerz“. Als Auslöser gelten u. a. Rotwein, verschiedene Käsesorten, grelles Licht, Menstruation, körperliche Anstrengung, Muskelverspannungen und Streß.
So scheinen Migränepatienten weniger gut als andere auf Belastungen zu reagieren, sie stehen unter einer Art Dauerstreß, weil sie infolge von Habituationsproblemen – d.h. sie können sich nicht oder nur schwer an bereits erlebte Reize gewöhnen – in ständiger Vigilanz (=Wachsamkeit) leben. Salopp formuliert können sie nicht abschalten. Daher wirken psychologische Streßbewältigungstrainings prophylaktisch, Entspannungsmethoden wie z. B. die Progressive Muskelentspannung nach Jacobson auch während einer Attacke.
Kopfschmerz vom Spannungstyp KST (Spannungskopfschmerz)
Sie werden am häufigsten diagnostiziert und sind entweder wiederkehrend (periodisch) oder dauerhaft (chronisch). Typisch für diesen Kopfschmerz ist ein langsamer Beginn und ein beidseitig stumpf und schraubstockartig auftretender Schmerz, der in seiner Intensität zunimmt. Wie schon der Name sagt, sind diese Kopfschmerzen spannungsbedingt, d. h. hier
spielen Verspannungen, häufig vom Nacken ausgehend, eine wesentliche Rolle. Diese Verspannungen lösen eine Minderdurchblutung, damit eine Sauerstoffunterversorgung aus, welche zu einer Erhöhung der Schmerzempfindlichkeit führt. Das kann seine Ursache sowohl in ständigen Fehlhaltungen - oft beobachtet bei Computerarbeit – haben, als auch in psychosozial bedingtem Streß wie Zeitdruck am Arbeitsplatz oder Kummer, Angst, Sorgen… Kommt beides zusammen, kann sich ein Teufelskreis entwickeln, der für die Betroffenen – und deren Angehörige - eine enorme Belastung bildet und die Lebensqualität massiv beeinträchtigt.
Das führt häufig zur regelmäßigen Einnahme von Schmerzmitteln, welche ihrerseits Kopfschmerzen hervorrufen können. Besonders, wenn es sich dabei um die oft beobachtete Selbstmedikation mit rezeptfrei erhältlichen Analgetika, vor allem Mischpräparaten, handelt.
Sowohl bei Migräne als auch bei KST haben sich wie oben bereits angedeutet, psychologische und psychotherapeutische Herangehensweisen bewährt. So konnte in Studien nachgewiesen werden, daß Spannungskopfschmerz alleine durch die Anwendung der „Progressiven Muskelentspannung - PME“, einer sehr weit verbreiteten und einfach anzuwendenden Entspannungsmethode, bedeutend gemindert werden konnte.
Die Führung eines Kopfschmerztagebuches kann sowohl die Grundlage für eine wirksame Selbsthilfe wie z. B. Qigong, Anmo, Musiktherapie und/oder Entspannung sein, als auch dem Psychologen/Psychotherapeuten oder dem behandelnden Arzt wertvolle Hinweise liefern.
Kopfschmerztagebuch
Ein Kopfschmerztagebuch ist einfach selbst zu erstellen, indem man in einem Kalender Beginn, Dauer und Intensität der Schmerzen einträgt, bei Migräne auch, was gegessen und getrunken wurde. Bei Frauen ist die Angabe des jeweiligen Zyklusstadiums wichtig und ob die Pille genommen wird.
Darüberhinaus sollten parallel auch die eigenen Tagesaktivitäten eingetragen werden, wie hoch der persönlich empfundene Streß war, sowie die ggf. angewandten Analgetika. Auch das Wetter kann einen Einfluß haben. Dieses Kopfschmerztagebuch sollte über einige Wochen geführt werden. Auf diese Weise erhält man ein Profil des Schmerzverlaufes, anhand dessen eventuelle Zusammenhänge erkennbar werden.
Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung eines standardisierten Kopfschmerz- oder Migränetagebuches und einer VAS (Visuelle-Analog-Skala), mittels derer man die jeweilige Schmerzstärke angeben kann.
Info dazu beim Hausarzt, bei mir oder unter www.schmerzinstitut.org .
Nun zur eingangs angeführten Untersuchung zur Wirkung von Qigong bei Migräne und Spannungskopfschmerz von Friedrichs, Pfistner und Aldridge (2003).
Qigong bei Migräne und Spannungskopfschmerz
Da immer wieder Teilnehmer berichteten, daß sich ihre Kopfschmerzen nach längerer Übungspraxis (Qigong – Yangsheng) erheblich gebessert hatten, entstand im Arbeitskreis „Qigong in der Medizin“ der Gedanke, eine Forschungsarbeit zu diesem Thema durchzuführen.
Bei dieser Untersuchung handelt es sich um eine prospektive, multizentrisch angelegte Pilotstudie. Der international gültigen Rangordnung der vierstufigen Einteilung der Evidence-Based-Medicine folgend handelt es sich dabei um eine „einarmige Phase II Studie“. Das heißt, es ging hierbei nicht um die Beweisführung der untersuchten Methode, sondern darum, Hinweise für ihre Wirksamkeit zu finden, die Durchführbarkeit festzustellen und geeignete Meßinstrumente zu bestimmen. Erst in einem zweiten Schritt würde dann aufgrund der Ergebnisse der ersten Studie der Versuch der Beweisführung unternommen werden – das wäre dann der „zweite Arm“.
Ziel
Das Ziel der Studie war herauszufinden, ob Qigongübungen eine wirksame Begleitbehand-lung bei Migräne und Spannungskopfschmerz sein können.
Methodik
Die Studie erfolgte in Zusammenarbeit mit und finanzieller Unterstützung durch die Medizinische Gesellschaft für Qigong Yangsheng und die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur. Sie war multizentrisch an 11 verschiedenen Orten angelegt, es waren 13 KursleiterInnen und verschiedene PrüfärztInnen beteiligt. Teilnehmer, welche die Untersuchung, die über mehrere Monate lief abschlossen, erhielten einen Teil der Kursgebühren erstattet.Von den anfänglich 166 Interessenten blieben letztlich 95 (90 davon Frauen) auswertbare Teilnehmer. Als diagnostische Instrumente dienten u. a. der Fragebogen des Schmerztherapeutischen Kolloqiums (StK) am Beginn der Studie, sowie drei Verlaufsfragebögen während der Durchführung und ein Schmerzkalender, der neben dem Schmerzverlauf auch das Übungsgeschehen erfaßte.
Der Ablauf der Studie folgte im wesentlichen den Empfehlungen der IHS zur Durchführung von Studien.
Ablauf
Nach einer Baseline (=Leerphase) von vier Wochen folgte ein achtwöchiger Kurs mit einem Termin á 90 Minuten pro Woche. Es wurden die ersten sechs Übungen der
„15 Ausdrucksformen des Taiji Qigong“ nach dem Lehrsystem von Professor Jiao Guorui unterrichtet. In den folgenden acht Wochen gab es keinen Kurs, es wurde selbständig geübt.
Anschließend kam es zu einem identischen Wiederholungskurs, in welchem die Teilnehmer wieder für acht Wochen unterrichtet wurden. Daran schloß sich ein Follow-up (kein Kurs) von vier Wochen.
Ergebnisse
Bezogen auf alle 95 auswertbarenTeilnehmer reduzierten sich die Schmerztage im Median (der Median oder Zentralwert halbiert bei aufsteigender Sortierung der Meßwerte die Meßreihe, d. h. 50% der Meßwerte liegen über und 50% der Meßwerte unter dem Median.) um einen Tag. Bei 27 Teilnehmern reduzierten sich die Schmerztage um mindestens 50%.
Beim überwiegenden Anteil der Teilnehmer nahm die Lebensqualität zu, die durch die Kopfschmerzen subjektiv wahrgenommene Behinderung ab.Die Mehrheit der Teilnehmer hatte nach eigenen Angaben mehrmals pro Woche für jeweils mindestens 10 Minuten geübt.
Ein Jahr nach Studienbeginn – also außerhalb des Studienablaufs - wurden 32 Personen angeschrieben und gebeten, noch einmal einen Monat Kalender zu führen, sowie einen Fragebogen zu bearbeiten. Von den 25 Personen die antworteten, gaben 19 an, nach wie vor mehrmals pro Woche zu üben. Bei ihnen hatte sich die Anzahl der Schmerztage, der Schmerzanfälle und die Schmerzintensität nach dem Ende der Studie im wesentlichen nicht mehr verändert, also weder weiter verbessert, noch sich wieder verschlechtert.
Diskussion
Die Ergebnisse, welche aufgrund des Untersuchungsdesigns als deskriptiv (beschreibend) zu verstehen sind, weisen deutlich auf eine Wirksamkeit der untersuchten Qigongübungen als begleitende Therapie hin. Es ergaben sich klare Verbesserungen hinsichtlich des Schmerzgeschehens und der Lebensqualität, wobei die Autorin darauf hinweist, daß dieses Ergebnis infolge der kleinen Stichprobe im statistischen Sinn nur eingeschränkt aussagekräftig ist. Doch ist darauf hinzuweisen, daß das regelmäßige Üben bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Studie auf eine hohe Akzeptanz der Methode hindeutet, ebenso die Ergebnisse der Nachfolgebeobachtung. Inwieweit die Übenden ihr tatsächliches Schmerzempfinden wahrheitsgemäß eingetragen haben, wurde nicht untersucht, dies geschieht aber in der Regel ebensowenig bei Patienten in Medikamentenstudien, sofern diese nicht unter Klinikaufsicht ablaufen. Darüberhinaus sind auf der Selbstauskunft der Teilnehmer beruhende Angaben in der klinischen Schmerzforschung unverzichtbar.
Wäre in dieser Untersuchung die Wirkung eines prophylaktischen Medikamentes untersucht worden, läge die Ansprechrate noch nicht im Bereich der erwünschten Wirksamkeit, da in den Richtlinien zur Erforschung der Therapie von Migräne und Spannungskopfschmerz eine Placeborate von 20 – 40% angenommen wird (Guidelines for trials of drug treatments in tension-type headache, first edition, Cephalalgia 1995, 15: 172).
Allerdings sind diese Werte internationale Empfehlungen und nicht zwingend vorgeschrieben. Darüberhinaus ist kritisch zu hinterfragen, ob bei der Beurteilung nichtmedikamentöser Therapieformen und hier besonders bei übenden Verfahren, das Konzept „Placebo“ aus der medizinsch-pharmakologischen Forschung einfach übernommen werden kann. Dazu noch einige Zeilen von der Verfasserin der vorgestellten Arbeit: „… Die sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften eines Medikaments verraten selten etwas von der Wirkung und darauf beruht die Möglichkeit, bei Medikamentenstudien die Wirkung des Medikamentes mit einem scheinbar wirkenden Medikament zu vergleichen, dem „Placebo“.
Bei Qigongübungen dagegen ist eine solche Unterscheidung von sinnlicher Wahrnehmung und Wirkung nicht möglich. Hier spielt das „Gefallen“ (der eigentliche Sinn des Wortes „Placebo“), das Einlassen auf die Übungsform und die Übungsinhalte für den therapeutischen Erfolg eine große Rolle. Es läßt sich deshalb hier nicht in gleicher Weise ein Scheineffekt prozentual quantifizieren bzw. überhaupt ausmachen wie bei einem Medikament.
Auch eine Verblindung der Therapie, bei der weder Patient noch Therapeut wissen, wer ein wirksames Medikament erhält und wer ein Placebo, ist bei einer Untersuchung über die Wirkung von Qigongübungen auf ein Krankheitsgeschehen nicht möglich: Sowohl Therapeut wie Patient sollten wissen, was sie tun. … Aktive Mitarbeit, Erwartungshaltung und Gefallen der Probanden an der Therapie sind erwünscht.“ (Friedrichs et. al, Z Zeitschrift für Qigong-Yangsheng. f. Q-Y S. 110, 2003).
Schlußgedanken
Diese elaborierte Pilotstudie liefert klare Evidenz dafür, daß Qigong eine wirksame supportive und adjuvante Herangehensweise in der Behandlung von Kopfschmerzen sein kann. Aber nicht nur diese, auch Untersuchungen von Zhang, 1996 und Melchart et al, 1997, liefern Belege für die Wirksamkeit von Qigong bei Kopfschmerzen, Rückmeldungen von Teilnehmern aus eigenen Kursen ebenfalls. Daher erscheinen weitere Studien – besonders auch im Hinblick auf die Kostenexplosion im Gesundheitswesen - nicht nur sinnvoll, sondern dringend angeraten.
Bleibt mir noch zu sagen, daß bei allem Bezug zu Forschung, Dualität und Wirknachweisen in meinen Beiträgen doch gilt, daß der Mensch nicht in allen seinen Dimensionen für die Wissenschaft erreich- und meßbar ist.
Und so sei diesem scheinbaren Übergewicht der westlich angelegten Wissenschaft – ohne damit eine Wertung oder Reihung auszudrücken – ein Zitat von Chuang-tzu zu Seite gestellt:
„…“Dieses“ ist auch „Jenes“. „Jenes“ ist auch „Dieses“ … die eigentliche Essenz des Tao ist, daß „Jenes“ und „Dieses“ aufhören, Gegensätze zu sein. Die Essenz allein, als Achse gleichsam, ist Mittelpunkt des Kreises und reagiert auf die endlosen Wandlungen…“ (Chuang-tzu, zitiert nach Fritjof Capra, 1986).
Literatur beim Verfasser